Applaus, Kultur-Magazin, 01. September 1997

ICH BIN NICHT HAMLET
"Hamletmaschine" in der Muffathalle. Bühnenbild: Helnwein
(Cover-story)
Axel Sanjosé

Helnwein gestaltet das Bühnenbild zu Heiner Müllers "Hamletmaschine" in der Regie von Gert HofWer kennt sie nicht, die mit verzertem Ausdruck, bis zur Unkenntlichkeit mit Verbandsmaterial zugeklebten Köpfe, in die sich gabelänliche Metallklammern bohren. Gottfried Helnweins Bilder provozieren, erregen Abscheu, ja Empörung bei vielen, die mit der dargestellten Brutalität nichts anzufangen wissen, die nur Ekel empfinden vor diesen scheinbar sinnlosen Zeugnissen von Gewalt.

Aber eben darum geht's: um Gewalt. Und es gehört kein kunsttheoretisches Wissen dazu, um zu erkennen, daß Helnweins Arbeiten alles andere als willkürliche Schocker sind, die auf sadistischen Voyerismus setzen. Ganz im Gegenteil: diese Bilder sind Manifeste für die Opfer von Mißbrauch, von staatlicher Unterdrückung, von Intoleranz und dumpfer Aggression. Die Schonungslosigkeit, mit der Helnwein den Täter-Opfer-Mechanismus thematisiert - sei es im Blick auf die Gequälten, sei es im Einfangen einer Atmosphäre der erbarmungslosen Kälte -, ruft Befremden und Abwehrreaktionen hervor, die sich des öfteren als Skandale niedergeschlagen haben.

Dagegen leuchtet die Affinität zwischen Helnwein und Heiner Müllers "Hamletmaschine" unmittelbar ein, nicht nur weil am Ende, wie es die Regieanweisung verlangt, Ophelia in Mullbinden geschnürt wird. Die gewalttätige Sprache des Ende 1995 verstorbenen Dramatikers und Regisseurs bohrt sich, statt wie bei Helnwein mit chirurgischen Instrumenten, mit Worten in das Fleisch. Auch hier geht es um Opfer, allerdings um Opfer, die sich wheren und in der Wahl ihrer Mittel die Brutalität ihrer Umwelt widerspiegeln. Hamlet will seine Mutter vergewaltigen, töten und "die Leiche in den Abtritt stopfen". Täter und Opfer sind kaum noch unterscheidbar, alle haben "Gedanken, die voll Blut sind."

 

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